
Borat
(Borat: Cultural Learnings of America for
Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan)
Regie: Larry Charles
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Ken Davitian et al.
Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Anthony Hines, Peter Baynham, Dan
Mazer
Produzenten: Sacha Baron Cohen, Jay Roach
Musik: Erran Baron Cohen
Länge: 84 min.
Freigabe: FSK: ab 12
Genre: Kömödie
Produktion: USA/2006
Kinostart: DE: 2.11.06 / AT: 03.11.06
Verleih: Centfox
Offizielle HP zum Film und Trailer:
www.boratderfilm.at
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Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Mann kommt in der U-Bahn auf Sie
zu, umarmt sie, versucht Ihnen ein Küsschen auf die Wange zu geben und stellt
sich Ihnen mit den Worten: „Mein Name ist Borat“ vor. In diese und ähnliche
Situationen lässt der britische Vorzeigekomiker Sacha Baron Cohen bereits seit
Jahren nichts ahnende Mitmenschen stolpern – ob wie hier als Borat, oder als Ali
G., oder wie im geplanten nächsten Projekt „Bruno“. Malen Sie sich aus was
passiert, wenn eben diesem Borat gleich im Anschluss an oben geschilderte
Begrüßung der Koffer aufgeht und ein (lebendes) Huhn zum Vorschein kommt, das
sich nun vom Besitzer durch den ganzen Waggon jagen lässt…
Borat Sagdiyev arbeitet fürs nationale Fernsehen in Kasachstan, ein Land, in dem
seinen Worten nach Juden öffentlich gejagt, Schwule dem Henker zugeführt,
Behinderte in Käfige gesperrt und Frauen für laues Geld verkauft werden - so
wurde Borats Schwester immerhin zur viertbesten kasachischen Nutte gekrönt. Um
seinem Land einen guten Dienst zu tun, verlässt der „zweit-meist erfolgreichste“
Fernsehreporter mit einer kleinen TV-Crew und dem korpulenten Produzenten Azamat
Bagatov (Ken Davitian) das Land und macht sich auf nach „U S und A“ – das Land
der unbegrenzten Möglichkeiten. Dort will er vor allem Ideen sammeln, wie man
auch Kasachstan wirtschaftlich auf die Beine helfen könnte.
In New York angekommen, macht er sich bei den Bewohnern des Big Apple gleich
durch eingangs beschriebene Aktionen beliebt. Als er die Vorzüge des
Kabelfernsehens kennen lernt, verliebt er sich in keine geringere als Pamela
Anderson und macht sich nun auf die Reise durch ganz Amerika um seine große
Liebe zu heiraten. Dabei trifft er auf Frauenrechtlerinnen, religiöse Fanatiker,
Gangsta-Rapper-Kids, besoffene College Studenten, erz-republikanische
Rodeoreiter und – Obacht – Juden. Und jeder kriegt in dessen Verlauf sein Fett
weg…
Zunächst eine kleine Vorausbemerkung: Ich kannte bis dato sowohl Ali G. als auch
Borat nur vom Hörensagen, habe noch keine Folge im Fernsehen gesehen und mir
auch keine Clips aus dem Internet – etwa zur Vorbereitung auf dieses Review –
angeschaut. Meine Erwartungen waren also entsprechend gering – um nicht zu
sagen, dass ich mir einen Fäkalienfilm erwartet hatte. „Borat“ hat diese
Erwartungen aber nicht erfüllt – im Gegenteil: Mich erwartete eine grandiose
Satire, welche gnadenlos die verkappten Gedankengänge der amerikanischen
Bevölkerung bloßstellt.
Die beste Szene im Film ist daher auch jene, in der Borat bei einem typisch
amerikanischen Rodeoreiten auftritt und allerlei kriegshetzerische Parolen dem
Beifall klatschenden Publikum darbietet. Einer der teilnehmenden Cowboys würde
es ebenfalls begrüßen, wenn man in den USA Homosexuelle wie in Kasachstan ohne
Kompromisse einfach erhängen würde. Von diesen Szenen lebt der Film, sie bringen
einen sowohl zum Lachen, sind aber, wie in diesem Fall, auch besonders drastisch
und eigentlich unkomisch. Weitere Beispiele gefällig? Bitte sehr: „Mit welcher
Waffe kann man am besten einen Juden erschießen?“ wird ein Waffenverkäufer
gefragt. Der zählt diverse Waffentypen auf. „Mit welchem Auto kann man am besten
Zigeuner überfahren? Wie schnell muss ich fahren, damit er auch gleich tot ist?“
– so die Frage an einen Autoverkäufer. Diverse Genitalienjokes will ich an
dieser Stelle gar nicht aufzählen. Borat erklärt einer Frauengruppe, dass Frauen
(erwiesenermaßen) kleinere Gehirne haben als Männer, was auf entsprechende
Reaktionen stößt. Wenn Borat in einer Kirche vor religiösen Fanatikern (darunter
auch mehr oder weniger bekannte Politiker) die Hände in die Höhe streckt und
nach seinem „Freund Jesus“ ruft, der sogar seinen bösen Nachbarn liebt, den kein
Mensch mag, ist auch klar, worauf es Sacha Baron Cohen abgesehen hat - hier
funktioniert der Mix aus Tragik und bitterböser Satire wirklich perfekt.
Die Grenze der Geschmacklosigkeit wird aber auch oftmals überschritten. So hätte
es zum Beispiel die Geschichte mit dem jüdischen Ehepaar überhaupt nicht
gebraucht: Borat und Azamat müssen nämlich gezwungenermaßen in einem Bed and
Breakfast übernachten, dessen Besitzer sich als jüdisch herausstellen – zwar auf
der einen Seite saukomisch, wie Borat am Schluss meint, die Juden haben sich in
Kakerlaken verwandelt und ihnen Geldscheine zuwirft – trotzdem, ein etwas
seltsamer Nachgeschmack bleibt. Auch die Szene in der Azamat und Borat völlig
nackt (riesiger Zensurbalken über Borats bestes Stück inklusive) zunächst auf
dem Hotelbett kämpfen und schließlich durchs Hotel laufen, um einen dort
stattfindenden Kongress in Aufruhr zu versetzen, rief bei mir angesichts des
fetten (ich bin an dieser Stelle auch mal böse) Azamat eher Gefühle der Übelkeit
denn verzücktes Grinsen hervor. Hier wurde einfach zu stark übertrieben, es
wirkte auf mich sinnlos und wenig komisch.
Trotz allen Kleinigkeiten, „Borat“ kann ich allen Komödienfans und
„Amerikahassern“ (bewusst unter Hochkomma gesetzt) nur empfehlen, diese werden
hier in sämtlichen Klischees bestätigt. „Borat“ lässt sein Publikum sowohl die
Köpfe schütteln, als auch schallend loslachen - Hirn also auf Sparflamme (ganz
ausschalten wäre wohl auch nicht gemäß der Intention Cohens) und Film ab. „High
Five“ – so wie Borat seinen Handschlag kommentiert – gebe ich aber wegen oben
genannter „Mängel“ (die jeder aufgrund verschiedener Auffassungen von Humor für
sich selbst bewerten sollte) nicht.
Weitere Entscheidungshilfen in Videoclipform finden sich auf
Youtube und borat.tv
Gesamtwertung:
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Für die Redaktion: Florian Widegger
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