
Marie Antoinette
Regie: Sofia Coppola
Darsteller: Kirsten Dunst, Jason Schwartzman, Judy Davis, Rip
Torn...
Drehbuch: Sofia Coppola
Produzenten: Sofia Coppola, Ross Katz
Musik: Jean-Benoît Dunckel, Nicolas Godin, Steven Severin
Länge: 123 min.
Freigabe: FSK: ab 6
Genre: Biografie/Drama
Produktion: USA/2006
Kinostart: DE: 2.11.06 / AT: 03.11.06
Offizielle HP zum Film und Trailer:
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Im Zuge der Heiratspolitik der Habsburger wird die erst 14-jährige Marie
Antoinette (Kirsten Dunst) von ihrer Mutter Maria Theresia (Marianne Faithfull)
an den französischen Thronfolger Ludwig XVI. (Jason Schwartzman)
verheiratet. Die junge Prinzessin macht sich mit ihrem kleinen Hofstab auf nach
Versailles, wo sie ihren zukünftigen Ehemann erstmals trifft. Doch schon in der
Hochzeitsnacht ergeben sich erste Probleme, und das
Leben am Hofe ist für die junge österreichische Monarchin alles andere als
einfach. Als großes Problem sollte sich zunächst einmal die sexuelle Unlust des
Gatten herausstellen, den Marie zwar mit allen Mitteln zu verführen versucht, es
aber nicht schafft, das Eis zu brechen. Erst nachdem sie Bekanntschaft mit dem schwedischen Grafen Fersen (Jamie Dornan) macht, wird auch die Lust ihres Gatten
geweckt und sie schenkt einer Tochter das Leben. Das Familienglück scheint
perfekt, als auch noch ein männlicher Thronerbe geboren wird, doch die
französische Revolution macht dem Monarchenpaar einen gehörigen Strich durch die
Rechnung...
"Dann sollen sie halt Kuchen essen"
Mit diesem Zitat, das Marie Antoinette ja gerne mal in den Mund gelegt wird,
laut Pressemappe (und auch Film) womöglich aber gar nicht von ihr stammt,
beginnen wir die Kritik an Sofia Coppolas wohl "ambitioniertestem", neuem Film,
der sich ganz dem Leben der österreichischen Prinzessin am Hofe Frankreichs
widmet. Und Kuchen gibt es in diesem Film wirklich in rauen Mengen. Gleich das
erste Bild zeigt uns eine leger bei der Pediküre naschende Marie Antoinette,
tontechnisch wird uns rockiges geboten. Ja, "Marie Antoinette" versucht, ein
"moderner" Kostümfilm zu sein, ein Blick aus der Gegenwart auf die
Vergangenheit. Das zeigt sich alleine schon in der Bildgestaltung, die im
Gegensatz zu typischen Kostümschinken viel "heller" und lebendiger wirkt.
Pastellfarben und Magentatöne scheinen es Frau Coppola besonders angetan zu
haben und so wirkt das ganze Set ständig etwas überkandidelt, überzuckert. Laut
Presseheft wollte man keine "Bilder" im herkömmlichen Sinne auf die Leinwand
bringen, sondern die Eindrücke einer jungen, etwas naiven Frau am französischen
Königshofe adäquat wiedergeben. Geglückt ist das aber leider nur teilweise: Denn
so hübsch Kirsten Dunst in ihrer Rolle auch anzusehen ist, und so überzeugend
sie dieses etwas "naive" Spiel draufhat, so merkt man ihr auch deutlich an, dass
sie mit dem immergleichen Gesichtsausdruck eigentlich etwas unterfordert ist.
Zu den weiteren Hauptdarstellern zählt der gefühlskalte und daher extrem
farblose Jason Schwartzman als Gatte Ludwig der 16. und - ja, eigentlich wars das
schon mit den Hauptdarstellern. Der Rest des Ensembles wirkt nämlich extrem
lieblos und zufällig zusammengewürfelt, wirklich entfalten kann sich keine der
Rollen. Ärgerlich ist dies vor allem bei den beiden heimlichen Stars des Films,
Rip Torn (als König Ludwig XV) und dessen Mätresse Madame du Barry (Asia Argento).
Letztere hat nur drei Sätze im Film zu sagen, dominiert aber in ihren Szenen
durch eine unglaublich starke Präsenz. Rip Torn kommt mit ein paar flotten
Sprüchen als König sogar etwas sympathisch 'rüber. Diese beiden dienen nur als
Beispiel für ein völlig überbesetztes Cast, bei dem man sich als Zuschauer die
Frage stellen muss, wozu es eigentlich da ist, wenn alles nur auf Kirsten Dunsts
Charakter hinausläuft. Dieser bleibt aber den gesamten Film über viel zu
eindimensional und macht keinerlei sicht- und fühlbare Entwicklung durch. Selbst ihre Entscheidung zum Schluss, bei ihrem Mann zu
bleiben, scheint eher kindlich-naiver denn verantwortungsvoller Natur zu sein.
Drehbuch, wo bist du?
Größtes Problem des immerhin über zwei Stunden langen Bonbon-Kostümwälzers ist
das absolute Nichtvorhandensein einer auch nur im Ansatz interessanten
Geschichte. Hauptaugenmerk legt Sofia Coppola nämlich nur auf das Bettproblem
des aristokratischen Ehepaars und der daraus resultierenden Knappheit an Erben.
Im Detail stellt sich das so dar: Szene im Bett, in der Marie ihren Ludwig
vergeblich scharf machen will, Frühstückszeremonie am nächsten Tag und wahlweise
schreibt dann Frau Mama aus Österreich einen Brief oder der österreichische
Botschafter stattet Marie einen mahnenden Besuch ab. Dazwischen spielen sich
noch ein paar Banalitäten ab (Hofintrigen wie zum Beispiel gegen Madame du
Barry) die sich aber im Sand verlaufen, da sie zur Geschichte an sich absolut
nichts beitragen. Als schließlich das erste Kind, eine Tochter, nach ca. 90
Minuten geboren wird, realisiert wohl auch Sofia Coppola, dass das ganze etwas
zu wenig hergibt, lässt den Sohn off-screen geboren werden und
auch off-screen sterben - und allein in der sehr kurzen Begräbnisszene zeigt
sich, dass sich die Regie halt doch gewissen Genrekonventionen und Klischees
unterwirft: Ein düsterer Herbsttag, die Blätter wirbeln nur so im Wind herum -
das haben wir schon tausendmal so gesehen. Wirklich schlimm wird es dann besonders
zum Schluss, wenn der Film krampfhaft versucht, einen Abschluss zu finden. Wer
bereits "Lost in Translation" von derselben Regisseurin kennt, kann sich
ungefähr denken, wie er ausfällt - was beim 2003er Werk Jubelschreie bei mir
ausgelöst hatte, da ein Film endlich mal so endete, ist in diesem Fall einfach
nur unbefriedigend. Gerade die letzten ca. 15 Minuten gäben zwar die weitaus
interessante Story her (nämlich die Auswirkungen der Revolution auf das höfische
Leben), leider scheint dieser Aspekt Frau Regisseurin und Drehbuchautorin
nicht besonders interessiert zu haben.
I want Candy!
Um die Traumwelt, in der sich Marie Antoinette laut Sofia Coppola und Marie
Antoinette- Biografin Antonia Fraser befindet, besonders "innovativ" zu
schildern, leistet sich die Regisseurin leider ein paar extrem nervige Mätzchen,
die zumindest mir den Filmspaß nochmal gehörig verdorben haben: Sie hält ihre
Versprechen nämlich nicht vollständig ein. Statt durchgehend moderne Musik zu spielen,
greift Coppola in bestimmten, nicht wenigen, Szenen wieder auf echt-klassisches
zurück, mit dieser Entscheidung könnte ich ja noch leben (obwohl es zunächst
sehr befremdlich ist, Rocksongs zu höfischen Zeremonien zu hören), aber dass
wirklich kaum eine Filmminute vergeht, in der keine Musik zu hören ist, kann man
doch als seltsam (ich nenne es sogar "overscored") bezeichnen. "Lost in
Translation" war ruhig, "Marie Antoinette" ist genau das Gegenteil - der Film
schreit förmlich an allen Ecken und Enden nach Aufmerksamkeit. Weil er einfach
nichts kann, um es einmal brutal ehrlich zu sagen. Er ist langweilig. Er hat keinerlei Atmosphäre. Er kann einfach nicht faszinieren. Wer das
Gefühl nach dem Verzehr von zu vielen Mozartkugeln kennt, weiß, wie der Film ist: Zuckersüß und
einen bitteren Nachgeschmack hinterlassend. Kein Wunder, dass er in Cannes
durchgefallen ist. Gnädige zwei Punkte gibt's von mir für die einigermaßen netten
Grundideen, für die Liebe zum Detail bei der Ausstattung, für das süße Lächeln
von Kirsten Dunst und für die Gastauftritte von Asia Argento und Rip Torn.
Wehmütig denke ich an Stanley Kubricks "Barry Lyndon" zurück, an den mich vieles
erinnerte, dessen Klasse aber nie erreicht wird: Der Film ist mittlerweile dreißig
Jahre alt und besitzt noch immer eine unglaublich große Anziehungskraft und
Faszination - zwei Dinge, die "Marie Antoinette" absolut nicht hat. Der
Vergleich mit "Barry Lyndon" kommt nicht von ungefähr, war doch bei beiden
Filmen Milena Canonero für die Kostüme verantwortlich.
Bei aller Sympathie für Sofia Coppolas bisheriges filmisches Schaffen (ich
gehöre zu den Leuten, die ihr den Auftritt in "Der Pate 3" nicht besonders übel
nehmen, und erachte sowohl "The Virgin Suicides" (an den viele der Aufnahmen in
"Marie Antoinette ebenfalls erinnern - das Herumliegen im Gras zum Beispiel) als
auch "Lost in Translation" als kleine filmische Meisterwerke) - "Marie
Antoinette" war ein Griff zu tief in die Puderdose. Das Urteil kann hier einfach
nur "Ab zur Guillotine" lauten!
Gesamtwertung:
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Für die Redaktion: Florian Widegger
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